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[2016-02-01 11:39:51] #Id: 13578 | View: 28376

Leseprobe Weltenschlüssel


2. Kapitel

„Ich hatte dir versprochen, dich für deine Arbeit zu belohnen“, sagte der Fremde. „Nun, deine Arbeit war mehr als zufriedenstellend, daher habe ich mir erlaubt, diese Belohnung auch deinem Freund zuteilwerden zu lassen.“

„Das ist nicht mein Freund“, entgegnete Elisa ohne nachzudenken. Was um alles in der Welt war passiert? Wie kamen diese Bäume in die Werkstatt? „Hypnose“, sagte sie schließlich. „Sie haben uns hypnotisiert. Oder wie haben Sie das sonst gemacht? Auf alle Fälle will ich jetzt wieder aufwachen.“

Sebastian blickte sich genauso verwirrt um, wie Elisa sich fühlte. Er bückte sich, fühlte das Gras unter seinen Füßen. „Das hier ist echtes Gras“, murmelte er. „Und es ist nass. Das ist kein simpler Zaubertrick, das ist irgendetwas anderes.“

„Hypnose!“, beharrte Elisa und starrte den Mann wütend an. „Und jetzt lassen Sie diesen Blödsinn! Ich will gefälligst wieder in unserer Werkstatt stehen und nicht vor diesem albernen Wald!“

„Du willst wieder zurück in deine eigene Welt?“, erkundigte sich der Fremde mit leisem Lächeln. „Das Gefühl hatte ich eben aber nicht. Deine Belohnung besteht deshalb darin, ein neues Leben beginnen zu dürfen, in dieser Welt, die meine Heimat ist und in die ich viel zu lange nicht zurückkehren konnte. Glaub mir, bald werdet ihr sie genauso lieben wie ich.“

Er zog leicht an dem Kunstwerk, das Elisa noch immer mit einer Hand festhielt, und als sie losließ, nickte er ihnen in der Andeutung einer Verbeugung zu und war im nächsten Moment verschwunden.

Elisa wusste nicht, wie lange sie wortlos in die leere Luft gestarrt hatte, dorthin, wo der seltsame Auftraggeber gerade noch gestanden hatte. Irgendwann spürte sie Sebastians Berührung, als er ihren Arm fasste. „Komm zu dir, Elisa!“, sagte er. „Was auch immer hier gerade passiert – wir können nicht einfach stehen bleiben und abwarten. Wir müssen uns umsehen und einen Plan machen.“

Sie kicherte hilflos. „Einen Plan? Was willst du denn für einen Plan machen? Der Typ hat uns offensichtlich hypnotisiert, nur weil er sauer auf mich ist. Ich habe sein tolles Kunstwerk verändert, und was auch immer wir tun, bestimmt sieht uns die ganze Werkstatt dabei zu und lacht sich kringelig, weil wir glauben, irgendwo anders zu sein. Wir können uns nur hinsetzen und abwarten, bis ihm das Spiel zu langweilig wird, dann wird er uns schon wieder in die Realität zurückholen!“

Sebastian schüttelte nachdenklich den Kopf. „Auch wenn du mich für verrückt hältst … Meinst du nicht, das hier könnte irgendwie real sein? Es fühlt sich ganz anders an als ein Traum.“

„Ein Traum ist auch was anderes als Hypnose“, beharrte Elisa. „Ich setze mich jetzt jedenfalls hier …“, sie warf einen Blick auf die feuchte Wiese unter ihren Füßen, „oder besser gesagt dort drüben auf den Baumstumpf. Bestimmt ist das in Wahrheit ein richtiger Stuhl, im schlimmsten Fall ein Hocker. Das sieht nicht mal halb so lächerlich aus, als würden wir ernsthaft versuchen, die Gegend zu erkunden.“ Ohne sich nach Sebastian umzusehen, stapfte sie durch das knöchelhohe Gras zu dem Baumstumpf, der zwar morsch, aber wenigstens trocken wirkte. Andererseits – wenn das alles hier nur eine Illusion war, und etwas anderes war es ihrer Ansicht nach nicht, dann konnte sie sich ebenso gut auf den Boden setzen. Was sollte schon passieren, außer dass sie glaubte, eine nasse Hose zu bekommen? Sobald dieser Mistkerl sie wieder aus der Hypnose entließ, würde das alles sowieso keine Rolle mehr spielen.

Elisa war fest entschlossen, diese verrückte Situation auszusitzen. Das war das Beste, was sie tun konnte. Das einzig Vernünftige. Auch wenn Sebastian sie immer wieder schweigend musterte, nachdem er sich auf einen anderen Baumstumpf ein Stück von ihr entfernt gesetzt hatte, ließ sie sich nicht davon irritieren. Irgendwann musste dem Auftraggeber dieses Kunstwerks das ganze Spiel langweilig werden. Dann würde er sie wieder in die Realität zurückholen, und nichts wäre geschehen außer ein paar verlorenen Stunden.

Die Sonne wanderte langsam über den Himmel. Eine perfekte Illusion, musste sie zugeben. In der Ferne sangen Vögel, und manchmal glaubte sie zwischendurch eine Grille zu hören. Der Wind wehte sanft aus Westen. Für Anfang März war es natürlich zu warm, so gut war diese Scheinwelt dann doch nicht gelungen, aber davon abgesehen hatte er sich Mühe gegeben. Ob Sebastian das Gleiche sah wie sie? Oder war er in einer eigenen Welt gefangen, die aus seinem Unterbewusstsein heraufgestiegen war, so wie diese Welt aus ihren Erinnerungen stammte? Elisa wusste es nicht. Und sie war sich auch nicht sicher, ob sie es wissen wollte. Schließlich würde alles, was sie in dieser Situation sagte oder fragte, mit Sicherheit von ihren Kollegen und dem Meister mitgehört werden, die bestimmt in der wirklichen Welt noch immer um sie und Sebastian herumstanden und sich köstlich amüsierten. Nein, diesen Gefallen würde sie ihren Kollegen nicht tun. Nicht, solange sie keinen Grund dafür hatte. Da mussten die sich schon etwas Besseres einfallen lassen.

Sie stutzte, blickte zu dem sanften Hügel links des Waldes, von wo sie plötzlich Stimmen zu hören glaubte. Natürlich war das nicht möglich, auch der beste Hypnotiseur konnte keine Menschen in einen solchen Wachtraum hineinschmuggeln. Und doch …

Mit gerunzelter Stirn sah sie Sebastian an, der langsam aufstand. „Da ist jemand“, murmelte er. Offensichtlich unterlag er der gleichen Halluzination wie sie selbst.

„Da kann niemand sein“, entgegnete Elisa. Dennoch stand auch sie auf und blickte sich nach dem Waldrand um. Sollten sie sich besser verstecken? Aber wovor? Wer auch immer dort scheinbar auf sie zukam, es konnten nur Gestalten sein, die ihren eigenen Gedanken entsprungen waren.

„Vielleicht sollten wir besser …“, begann Sebastian. Elisa unterbrach ihn: „Nein, sollten wir nicht. Das hier ist alles nicht real, das sollte doch inzwischen selbst dir klar geworden sein! Ich werde mich nicht zum Affen machen, nur weil hier jemand mit uns seine Spielchen spielt!“

„Aber nur für den Fall, dass es doch ein ganz kleines Bisschen real ist …“, entgegnete er und wich einen Schritt zum Waldrand zurück, den Blick noch immer auf den Hügel gerichtet, hinter dem eine Gruppe von Menschen auftauchte. Zuerst waren nur die Köpfe sichtbar, vier oder fünf, genau konnte Elisa es nicht erkennen; dann, als sie den Hügel weiter erklommen, konnte sie auch die Körper der Leute sehen. Es schienen nur Männer zu sein, in einheitlichen braun-grünen Mänteln und unmodern engen Hosen, die in hohen Stiefeln steckten.

Woher mochte der mysteriöse Auftraggeber diese Bilder nehmen? Konnte er ihr tatsächlich etwas vorgaukeln, was sie so noch nie gesehen hatte? Die Kostüme passten nicht richtig zu den üblichen Mittelalter-Filmen, auch wenn die Hosen sie an Robin Hood erinnerten. Aber der hatte im Kino viel besser ausgesehen – und freundlicher, fiel ihr auf. Weshalb starrten diese Leute sie so komisch an?

„Woher kommt ihr, und was wollt ihr hier?“, fragte einer der Männer scharf an Sebastian gewandt. Sie selbst wurde völlig ignoriert. Das zumindest kannte sie aus der Werkstatt.

Dennoch konnte sie sich das Lachen nicht verkneifen. Unglaublich, der Kerl sprach mit sächsischem Dialekt, und das mitten im Rheinland! Damit konnte er die Robin-Hood-Masche jedenfalls gleich wieder vergessen. Da hatte der Hypnotiseur sich offensichtlich einen Fehler geleistet.

Der Mann funkelte sie an. „Mit dir habe ich nicht gesprochen, schweig gefälligst!“, raunzte er.

Elisa konnte nicht anders, sie musste weiter lachen, so komisch klang dieser völlig unpassende Akzent in ihren Ohren … bis eine heftige Ohrfeige sie traf. Mit einem Schlag war sie wieder ernst. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Hatte es wirklich einer ihrer Kollegen gewagt, sie zu schlagen? Nein, das hätte Meister Geller zu verhindern gewusst. Er mochte kein sonderlich netter Kerl sein, und Elisa war alles andere als sein Lieblingslehrling, aber das hätte er nicht zugelassen. Der Mann, der sie geohrfeigt hatte, nickte zufrieden. „Hysterische Anfälle können wir hier nicht brauchen“, knurrte er.

Ihr wurde plötzlich schlecht, und als sie würgte, spürte sie einen bitteren Geschmack im Mund. Das konnte nur bedeuten …

Fassungslos sah sie die Männer an, die Sebastian noch immer auffordernd anstarrten. Ihr Kollege war inzwischen knallrot angelaufen, offensichtlich war er mit der Situation genauso überfordert wie sie. „Wir … wir kommen aus einer anderen Region, in der Nähe von Köln“, sagte Sebastian schließlich zögernd. „Wir haben uns verlaufen. Könnt ihr uns helfen? Könntet ihr uns den Weg zum nächsten Ort zeigen?“

„Wir sind hier in der Nähe von Köln“, entgegnete der Anführer der Gruppe unwirsch. „Gehört ihr zum reisenden Volk? So, wie ihr ausseht …“

Unwillkürlich blickte Elisa an sich herab. Arbeitshose, T-Shirt, darüber eine Kapuzenjacke, Sicherheitsschuhe natürlich … was man eben so trug in der Werkstatt. Sebastian sah nicht anders aus. Aber solche Arbeitskleidung schien in dieser Gegend ungewohnt zu sein. Wo um alles in der Welt waren sie nur hingeraten? Wollte dieser verrückte Kunde sie einfach so lange in die Irre treiben, bis sie ihn anflehten, das Spiel sein zu lassen? Und was war, wenn … Nein! Sie schüttelte entschieden den Kopf. Nichts von dem hier war real. Das war einfach nicht möglich.

„Nein, wir kommen nur ursprünglich aus einem anderen Ort, weit entfernt von dieser Gegend“, entgegnete Sebastian nach kurzem Zögern. „Bei uns tragen Schreiner, Tischler oder andere Handwerker solche Kleidung.“

Zwei andere Männer wechselten leise ein paar Worte. „Tischler können wir brauchen“, bemerkte einer von ihnen halblaut. „Rodricht, denk nur an den Sarg, in dem der alte Wilhelm letzte Woche vergraben wurde. Das war doch nichts Halbes und nichts Ganzes. Vielleicht kann dieser Kerl hier zumindest ein paar ordentliche Särge bauen, ehe er weiterzieht. Und seine Frau kann solange den Mädchen in der Bäckerei zur Hand gehen – oder was auch immer ihre Begabung ist.“

Elisa öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Für emanzipatorische Anwandlungen war dies definitiv der falsche Ort. Zumal die Männer zwar offenbar nicht glaubten, dass sie auch Holz bearbeiten konnte, aber nicht gezögert hatten, ihr eine Ohrfeige zu verpassen.

„Dann kommt mal mit“, brummte der Anführer, dieser Rodricht, und wandte sich zum Gehen. Sein Akzent klang in Elisas Ohren noch immer komisch, aber ihr war nicht mehr zum Lachen zumute.

Sie folgten ihm und den anderen Männern über den Hügel, am Wald entlang bis tief ins nächste Tal hinein. Auch wenn sie den Ort schon bald erkennen konnten, dauerte es noch eine halbe Stunde, bis sie ihn erreichten.

„Woher wusstet ihr, wo ihr uns findet?“, erkundigte sich Elisa zaghaft, als sie die ersten Häuser fast erreicht hatten.

Rodricht sah sie kopfschüttelnd an. „Von den Amseln natürlich. Wie unterhaltet ihr euch denn dort, wo ihr herkommt?“


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2. Kapitel

„Ich hatte dir versprochen, dich für deine Arbeit zu belohnen“, sagte der Fremde. „Nun, deine Arbeit war mehr als zufriedenstellend, daher habe ich mir erlaubt, diese Belohnung auch deinem Freund zuteilwerden zu lassen.“

„Das ist nicht mein Freund“, entgegnete Elisa ohne nachzudenken. Was um alles in der Welt war passiert? Wie kamen diese Bäume in die Werkstatt? „Hypnose“, sagte sie schließlich. „Sie haben uns hypnotisiert. Oder wie haben Sie das sonst gemacht? Auf alle Fälle will ich jetzt wieder aufwachen.“

Sebastian blickte sich genauso verwirrt um, wie Elisa sich fühlte. Er bückte sich, fühlte das Gras unter seinen Füßen. „Das hier ist echtes Gras“, murmelte er. „Und es ist nass. Das ist kein simpler Zaubertrick, das ist irgendetwas anderes.“

„Hypnose!“, beharrte Elisa und starrte den Mann wütend an. „Und jetzt lassen Sie diesen Blödsinn! Ich will gefälligst wieder in unserer Werkstatt stehen und nicht vor diesem albernen Wald!“

„Du willst wieder zurück in deine eigene Welt?“, erkundigte sich der Fremde mit leisem Lächeln. „Das Gefühl hatte ich eben aber nicht. Deine Belohnung besteht deshalb darin, ein neues Leben beginnen zu dürfen, in dieser Welt, die meine Heimat ist und in die ich viel zu lange nicht zurückkehren konnte. Glaub mir, bald werdet ihr sie genauso lieben wie ich.“

Er zog leicht an dem Kunstwerk, das Elisa noch immer mit einer Hand festhielt, und als sie losließ, nickte er ihnen in der Andeutung einer Verbeugung zu und war im nächsten Moment verschwunden.

Elisa wusste nicht, wie lange sie wortlos in die leere Luft gestarrt hatte, dorthin, wo der seltsame Auftraggeber gerade noch gestanden hatte. Irgendwann spürte sie Sebastians Berührung, als er ihren Arm fasste. „Komm zu dir, Elisa!“, sagte er. „Was auch immer hier gerade passiert – wir können nicht einfach stehen bleiben und abwarten. Wir müssen uns umsehen und einen Plan machen.“

Sie kicherte hilflos. „Einen Plan? Was willst du denn für einen Plan machen? Der Typ hat uns offensichtlich hypnotisiert, nur weil er sauer auf mich ist. Ich habe sein tolles Kunstwerk verändert, und was auch immer wir tun, bestimmt sieht uns die ganze Werkstatt dabei zu und lacht sich kringelig, weil wir glauben, irgendwo anders zu sein. Wir können uns nur hinsetzen und abwarten, bis ihm das Spiel zu langweilig wird, dann wird er uns schon wieder in die Realität zurückholen!“

Sebastian schüttelte nachdenklich den Kopf. „Auch wenn du mich für verrückt hältst … Meinst du nicht, das hier könnte irgendwie real sein? Es fühlt sich ganz anders an als ein Traum.“

„Ein Traum ist auch was anderes als Hypnose“, beharrte Elisa. „Ich setze mich jetzt jedenfalls hier …“, sie warf einen Blick auf die feuchte Wiese unter ihren Füßen, „oder besser gesagt dort drüben auf den Baumstumpf. Bestimmt ist das in Wahrheit ein richtiger Stuhl, im schlimmsten Fall ein Hocker. Das sieht nicht mal halb so lächerlich aus, als würden wir ernsthaft versuchen, die Gegend zu erkunden.“ Ohne sich nach Sebastian umzusehen, stapfte sie durch das knöchelhohe Gras zu dem Baumstumpf, der zwar morsch, aber wenigstens trocken wirkte. Andererseits – wenn das alles hier nur eine Illusion war, und etwas anderes war es ihrer Ansicht nach nicht, dann konnte sie sich ebenso gut auf den Boden setzen. Was sollte schon passieren, außer dass sie glaubte, eine nasse Hose zu bekommen? Sobald dieser Mistkerl sie wieder aus der Hypnose entließ, würde das alles sowieso keine Rolle mehr spielen.

Elisa war fest entschlossen, diese verrückte Situation auszusitzen. Das war das Beste, was sie tun konnte. Das einzig Vernünftige. Auch wenn Sebastian sie immer wieder schweigend musterte, nachdem er sich auf einen anderen Baumstumpf ein Stück von ihr entfernt gesetzt hatte, ließ sie sich nicht davon irritieren. Irgendwann musste dem Auftraggeber dieses Kunstwerks das ganze Spiel langweilig werden. Dann würde er sie wieder in die Realität zurückholen, und nichts wäre geschehen außer ein paar verlorenen Stunden.

Die Sonne wanderte langsam über den Himmel. Eine perfekte Illusion, musste sie zugeben. In der Ferne sangen Vögel, und manchmal glaubte sie zwischendurch eine Grille zu hören. Der Wind wehte sanft aus Westen. Für Anfang März war es natürlich zu warm, so gut war diese Scheinwelt dann doch nicht gelungen, aber davon abgesehen hatte er sich Mühe gegeben. Ob Sebastian das Gleiche sah wie sie? Oder war er in einer eigenen Welt gefangen, die aus seinem Unterbewusstsein heraufgestiegen war, so wie diese Welt aus ihren Erinnerungen stammte? Elisa wusste es nicht. Und sie war sich auch nicht sicher, ob sie es wissen wollte. Schließlich würde alles, was sie in dieser Situation sagte oder fragte, mit Sicherheit von ihren Kollegen und dem Meister mitgehört werden, die bestimmt in der wirklichen Welt noch immer um sie und Sebastian herumstanden und sich köstlich amüsierten. Nein, diesen Gefallen würde sie ihren Kollegen nicht tun. Nicht, solange sie keinen Grund dafür hatte. Da mussten die sich schon etwas Besseres einfallen lassen.

Sie stutzte, blickte zu dem sanften Hügel links des Waldes, von wo sie plötzlich Stimmen zu hören glaubte. Natürlich war das nicht möglich, auch der beste Hypnotiseur konnte keine Menschen in einen solchen Wachtraum hineinschmuggeln. Und doch …

Mit gerunzelter Stirn sah sie Sebastian an, der langsam aufstand. „Da ist jemand“, murmelte er. Offensichtlich unterlag er der gleichen Halluzination wie sie selbst.

„Da kann niemand sein“, entgegnete Elisa. Dennoch stand auch sie auf und blickte sich nach dem Waldrand um. Sollten sie sich besser verstecken? Aber wovor? Wer auch immer dort scheinbar auf sie zukam, es konnten nur Gestalten sein, die ihren eigenen Gedanken entsprungen waren.

„Vielleicht sollten wir besser …“, begann Sebastian. Elisa unterbrach ihn: „Nein, sollten wir nicht. Das hier ist alles nicht real, das sollte doch inzwischen selbst dir klar geworden sein! Ich werde mich nicht zum Affen machen, nur weil hier jemand mit uns seine Spielchen spielt!“

„Aber nur für den Fall, dass es doch ein ganz kleines Bisschen real ist …“, entgegnete er und wich einen Schritt zum Waldrand zurück, den Blick noch immer auf den Hügel gerichtet, hinter dem eine Gruppe von Menschen auftauchte. Zuerst waren nur die Köpfe sichtbar, vier oder fünf, genau konnte Elisa es nicht erkennen; dann, als sie den Hügel weiter erklommen, konnte sie auch die Körper der Leute sehen. Es schienen nur Männer zu sein, in einheitlichen braun-grünen Mänteln und unmodern engen Hosen, die in hohen Stiefeln steckten.

Woher mochte der mysteriöse Auftraggeber diese Bilder nehmen? Konnte er ihr tatsächlich etwas vorgaukeln, was sie so noch nie gesehen hatte? Die Kostüme passten nicht richtig zu den üblichen Mittelalter-Filmen, auch wenn die Hosen sie an Robin Hood erinnerten. Aber der hatte im Kino viel besser ausgesehen – und freundlicher, fiel ihr auf. Weshalb starrten diese Leute sie so komisch an?

„Woher kommt ihr, und was wollt ihr hier?“, fragte einer der Männer scharf an Sebastian gewandt. Sie selbst wurde völlig ignoriert. Das zumindest kannte sie aus der Werkstatt.

Dennoch konnte sie sich das Lachen nicht verkneifen. Unglaublich, der Kerl sprach mit sächsischem Dialekt, und das mitten im Rheinland! Damit konnte er die Robin-Hood-Masche jedenfalls gleich wieder vergessen. Da hatte der Hypnotiseur sich offensichtlich einen Fehler geleistet.

Der Mann funkelte sie an. „Mit dir habe ich nicht gesprochen, schweig gefälligst!“, raunzte er.

Elisa konnte nicht anders, sie musste weiter lachen, so komisch klang dieser völlig unpassende Akzent in ihren Ohren … bis eine heftige Ohrfeige sie traf. Mit einem Schlag war sie wieder ernst. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Hatte es wirklich einer ihrer Kollegen gewagt, sie zu schlagen? Nein, das hätte Meister Geller zu verhindern gewusst. Er mochte kein sonderlich netter Kerl sein, und Elisa war alles andere als sein Lieblingslehrling, aber das hätte er nicht zugelassen. Der Mann, der sie geohrfeigt hatte, nickte zufrieden. „Hysterische Anfälle können wir hier nicht brauchen“, knurrte er.

Ihr wurde plötzlich schlecht, und als sie würgte, spürte sie einen bitteren Geschmack im Mund. Das konnte nur bedeuten …

Fassungslos sah sie die Männer an, die Sebastian noch immer auffordernd anstarrten. Ihr Kollege war inzwischen knallrot angelaufen, offensichtlich war er mit der Situation genauso überfordert wie sie. „Wir … wir kommen aus einer anderen Region, in der Nähe von Köln“, sagte Sebastian schließlich zögernd. „Wir haben uns verlaufen. Könnt ihr uns helfen? Könntet ihr uns den Weg zum nächsten Ort zeigen?“

„Wir sind hier in der Nähe von Köln“, entgegnete der Anführer der Gruppe unwirsch. „Gehört ihr zum reisenden Volk? So, wie ihr ausseht …“

Unwillkürlich blickte Elisa an sich herab. Arbeitshose, T-Shirt, darüber eine Kapuzenjacke, Sicherheitsschuhe natürlich … was man eben so trug in der Werkstatt. Sebastian sah nicht anders aus. Aber solche Arbeitskleidung schien in dieser Gegend ungewohnt zu sein. Wo um alles in der Welt waren sie nur hingeraten? Wollte dieser verrückte Kunde sie einfach so lange in die Irre treiben, bis sie ihn anflehten, das Spiel sein zu lassen? Und was war, wenn … Nein! Sie schüttelte entschieden den Kopf. Nichts von dem hier war real. Das war einfach nicht möglich.

„Nein, wir kommen nur ursprünglich aus einem anderen Ort, weit entfernt von dieser Gegend“, entgegnete Sebastian nach kurzem Zögern. „Bei uns tragen Schreiner, Tischler oder andere Handwerker solche Kleidung.“

Zwei andere Männer wechselten leise ein paar Worte. „Tischler können wir brauchen“, bemerkte einer von ihnen halblaut. „Rodricht, denk nur an den Sarg, in dem der alte Wilhelm letzte Woche vergraben wurde. Das war doch nichts Halbes und nichts Ganzes. Vielleicht kann dieser Kerl hier zumindest ein paar ordentliche Särge bauen, ehe er weiterzieht. Und seine Frau kann solange den Mädchen in der Bäckerei zur Hand gehen – oder was auch immer ihre Begabung ist.“

Elisa öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Für emanzipatorische Anwandlungen war dies definitiv der falsche Ort. Zumal die Männer zwar offenbar nicht glaubten, dass sie auch Holz bearbeiten konnte, aber nicht gezögert hatten, ihr eine Ohrfeige zu verpassen.

„Dann kommt mal mit“, brummte der Anführer, dieser Rodricht, und wandte sich zum Gehen. Sein Akzent klang in Elisas Ohren noch immer komisch, aber ihr war nicht mehr zum Lachen zumute.

Sie folgten ihm und den anderen Männern über den Hügel, am Wald entlang bis tief ins nächste Tal hinein. Auch wenn sie den Ort schon bald erkennen konnten, dauerte es noch eine halbe Stunde, bis sie ihn erreichten.

„Woher wusstet ihr, wo ihr uns findet?“, erkundigte sich Elisa zaghaft, als sie die ersten Häuser fast erreicht hatten.

Rodricht sah sie kopfschüttelnd an. „Von den Amseln natürlich. Wie unterhaltet ihr euch denn dort, wo ihr herkommt?“


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